Itzik Manger

Itzik Manger war einer der bedeutendsten Poeten der modernen jiddischen Literatur.

Dies ist der Text einer Ansprache der Pfarrerin Andrea Döhrer. Am 28.01.2018 habe ich zusammen mit Bella Liebermann im Rahmen eines Gottesdienstes zum Holocaust-Gedenktag in der Friedenskirche Liblar in Erfstadt zwei Lieder von Itzik Manger gespielt:
„Oyfn Veg shteyt a boym“ und „Dos lid funem tsigele“.

Andrea Döhrer hat es verstanden, sehr einfühlsam über Itzik Manger zu sprechen und auch auf die Texte dieser beiden Lieder einzugehen. Hier ist der ganze Text:


Itzik MangerItzik Manger wurde 1901 in Czernowitz geboren, einer Stadt, die mal zu Österreich, mal zu Rumänien, zur damaligen Sowjetunion und heute zur Ukraine gehört. Czernowitz, das ist die Stadt am Fluß Pruth gelegen, am Fuße der Karpaten, einst Klein-Wien oder Jerusalem am Pruth genannt, in Czernowitz sprachen die Menschen Französisch, Deutsch, Rumänisch, Russisch, – und Jiddisch. Czernowitz, das war die Stadt der Dichter und Denker. Paul Celan wurde hier geboren, Rose Ausländer und Itzik Manger. Seine Kindheit ist von Hunger und Armut gezeichnet, aber er ist zufrieden, sein Vater ist Schneider und sein Bruder Notte und seine Schwester Sheindel sind ihm treue Gefährten. Von seinen Mitschülern wird er schon früh „Der Poet“ genannt, aber seine dichterische Schaffenskraft wird unterbrochen, weil er aufgrund zu vieler Streiche vom Gymnasium verwiesen wird und eine Schneiderlehre bei seinem Vater beginnen muss. Dennoch schreibt er weiter, und nur auf Jiddisch, und 1921 werden in Czernowitz seine ersten Gedichte veröffentlicht durch Elieser Steinberg, ebenfalls ein jiddischer Dichter und Herausgeber einer jiddischen Zeitung, der auch ein jiddisch sprachiges Theater unterhielt.

Ja, Kinder gehen manchmal ihre eigenen Wege. Manchmal reiben sie sich an den Vorstellungen der Eltern, reizen Grenzen aus, haben ihre Träume und eigenen Vorstellungen. Manger beschreibt diese Träume, aber auch die Sorgen der Eltern in dem Gedicht „Oijn veg stejt a boim“. Ins Hochdeutsche übersetzt heißt es da: Auf dem Weg steht ein Baum, steht herabgebogen, alle Vögel von dem Baum sind davongeflogen. Sag ich zu der Mutter: Hör, sollst mich bloß nicht stören, Mutter, ich wird, eins zwei drei, auch ein Vogel werden. Ich werd sitzen auf dem Baum und ihn wiegen leise, trösten durch die Winterzeit mit einer schönen Weise. Ja – und die Mutter bekommt einen Riesenschreck: Im Winter, auf einem Baum, mein Sohn wird erfrieren und in ihrer Fürsorge versorgt sie ihn mit einem Schal, mit Galoschen, mit einer Mütze und einer Jacke. Aber so kann ein Vogel nicht fliegen. Und es heißt: Schau ich ihr traurig hinein, der Mutter in die Augen, ihre Liebe ließ nicht zu, dass ich ein Vogel werde.

Ja, es ist schwer, Verantwortung zu tragen, Grenzen zu setzen, den Weg ins Leben zu ebnen und es ist schwer, Kindern ihren Freiraum zu lassen und sie Dinge ausprobieren zu lassen.

Von 1928 bis 1938 lebt Itzik Manger in Warschau und genießt dort die jiddisch sprechende Welt, und er verliebt sich. Aber die Verbindung wird 1938 auseinandergerissen, Manger emigriert nach Paris, ohne seine Lebensgefährtin, ohne seine Familie. Er leidet. Seine Lebensgefährtin wird das Warschauer Ghetto überleben, sie wird auch Mangers Manuskripte und Gedichte retten, aber die beiden finden nicht mehr zu einander. 1940 gelingt Manger die Flucht nach England. Dort ist er völlig auf sich allein gestellt, keiner will seine jiddischen Werke hören. Er ist ein gebrochener Mann, für seine Zornesausbrüche bekannt, er wird zum Kettenraucher und regelmäßigem Kneipengänger. Wie aus dem Nichts taucht eine Frau namens Margret Waterhouse auf, sie ist eine Buchhändlerin, der der Mann vor ihrem Laden auffiel. Sie wird auch als rettender Engel für Itzik Manger bezeichnet. Sie nimmt ihn auf, ist wie eine fürsorgliche Schwester, versorgt ihn mit Büchern und nimmt ihn mit zu literarischen Kreisen. Manger verbessert sein Englisch und fängt sich für kurze Zeit, denn nun erfährt er auch dass seine Eltern und sein Bruder Notte in der Verfolgung ermordet worden sind. Er verfällt in Depressionen und sucht 1951 einen Neuanfang in Amerika. Dort kommen Tausende zu seinen Vorträgen und Lesungen. Er verliebt sich und heiratet, er pflegt seine ruinierte Gesundheit und reist 1958 zum ersten Mal nach Israel. Er liest in Tel-Aviv, im Jerusalem und Haifa, in Kibbuzim, überall haben die Menschen wieder die Kraft, sich ihrer verlorenen Heimat und Sprache zu öffnen. Itzik Manger lässt das verlorene jüdische Volksleben in Osteuropa wieder lebendig werden. Wie durch ein Wunder trifft er in Israel auch seine totgeglaubte Schwester Schejndl wieder; sie und einige von Mangers Freunden hatten die Schoah überlebt. Mangers Traum vom Leben eines jiddisch schreibenden Poeten hatte sich erfüllt. Durch Höhen und Tiefen hindurch, zu oft ohne Antwort auf die Frage „Warum?“. Menschen wurden zu Engeln an seiner Seite, haben sein Überleben ermöglicht. Die Liebe seiner Eltern und die Verbindung trug er allzeit in seinem Herzen, er bewahrte ihr Leben in den Gedichten, die er schrieb.

Manger starb im Alter von 68 Jahren.

Noch ein Gedicht von ihm, – es heißt „Dos Lid vunem Zigele“. Also das Lied vom Zicklein und dazu muss man wissen, dass dieses Gedicht ist von dem Lied  „Chad- gadje“inspiriert.   „Chad- gadje“ wird  immer am Pessachabend gesungen.  Es ist ein Lied, dass die Kinder mögen und in ihm reihen sich eine Geschichte nach der anderen an, so wie Dominosteine. Das eine passiert und dann das andere, und darum dann das und jenes. Das Zicklein ist das erste in dieser Reihe, leider wird es von der Katze gefressen, die aber bekommt es mit einem Hund zu tun und so weiter und so weiter. Warum? Warum wissen wir manchmal nicht. Wir wissen nicht, warum das Leben manchmal so und manchmal anders spielt, aber G´tt weiß es und leider erzählt er es uns oftmals nicht.

Aber was, wenn das Leben manchmal doch anders verläuft. Darüber macht sich Itzik Manger Gedanken und so lassen die Kinder Itzik und Notte das Zicklein einfach frei. Sie öffnen das Gatter, lösen den Strick und lassen es laufen. „Die Welt ist weit und groß, doch wolln wir nicht verraten, wo wir es lassen los. Und wo ist das Zicklein? Es springt herum im Feld und hat Vergnügen an der Sonn und an der ganzen Welt.“

Warum? Weil Menschen manchmal den Mut haben, neue Wege zu gehen, die dem Leben dienen. Weil Menschen aus der Geschichte lernen und Verantwortung tragen. Weil Menschen das Leiden anderer stoppen möchten und es auch tun. Jeder Mensch ist einmalig, jedes Lebewesen ist einmalig und kostbar – und niemals wieder zurück zu holen vergangene Zeiten.


Text und Übersetzung der Lieder finden sich auf der Seite von Kol Colé und in der Liedersammlung von Tangoyim (dort gibt es auch eine Audio-Aufnahme von Kol Colé).

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1 Antwort

  1. eszter szendroi sagt:

    „…a zilberne halb levone finkelt in ire hor“ 🙂

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