Allein unter Deutschen

Allein unter Deutschen
Mutig, provokant, ironisch, spritzig, lustig – so wird das Buch von Tuvia Tenenbom „Allein unter Deutschen – Eine Entdeckungsreise“ angekündigt.

Und in der Tat ist es unterhaltsam, gut zu lesen, interessant und tiefgründig. Die Reise eines New Yorker Juden quer durch Deutschland – er taucht tief in die verschiedensten Szenen ein, interviewt viele Menschen, stellt überall seine provokanten Fragen und hält den Deutschen gnadenlos den Spiegel vor.

Hauptthese Nummer eins: die Deutschen trinken immer und überall und zu jeder Gelegenheit Unmengen von Bier. Ok. Geschenkt.

Hauptthese Nummer zwei: die Deutschen sind allesamt verkappte Antisemiten. Weil sie die israelische Politik – Siedlungspolitik, Mauerbau, Gewalt gegen Palästinenser – kritisieren. Ich bin in jüdischen Gemeinden oder in den sozialen Medien öfters auf diese Ausage gekommen: wer Israel in irgendeiner Weise kritisiert, outet sich als Antisemit.

Verkappte Gutmenschen, das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Sager, die durch ihre Israelkritik aus Opfern Täter machen und aus Juden Nazis. Da ist Herrn Tenenbom der Araber lieber, der ein offener und ehrlicher Antisemit ist, als der Deutsche, der es aus psychologischen Gründen ist, der die Taten seiner Großeltern irgendwie zu rechtfertigen sucht, indem er die Opfer stigmatisiert und ihnen die Schuld gibt. Und das nicht etwa offen und geradeheraus, sondern hintenrum eben durch die Kritik an Israels Politik. Die Palästinenser als Ventil, durch das der ach so tolerante, friedliebende und selbstgerechte Deutsche seinen tiefverwurzelten Antisemitismus ausleben kann.

Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Eine differenziertere Sichtweise auf den wirklichen, durchaus bestehenden und wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland hätte der Sache besser getan. Hätte sich aber wahrscheinlich nicht so gut verkauft.

Vermutlich wollte Herr Tenenbom in erster Linie einfach nur provozieren, was ihm ja durchaus gelungen ist.


PS: ein sehr lesenswertes Buch, das sich allerdings nicht mit der heutigen Situation beschäftigt, sondern die Hintergründe des deutschen Antisemitismus von 1800 bis 1933 erforscht und beleuchtet, und damit der Frage nachgeht, wie es überhaupt zum Holocaust kommen konnte, ist das von Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden?

 

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