Bericht einer Familie aus Minsk

Bella Liebermann ist Sozialpädagogin, Autorin und Sängerin in unserer Gruppe Kol Colé. Sie hat familiäre Wurzeln in Belarus und in Minsk an der Musikakademie studiert. 1991 kam sie aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland.  Bis heute hat sie enge Verbindungen nach Belarus. Ihr Roman „Kupfermeer“ erscheint im Herbst auf Deutsch.

Mehrfach hat Bella mir gegenüber erwähnt, wie nahe ihr die Berichte aus Belarus gehen. Dieser Artikel von ihr wurde unter dem Titel: „Proteste in Belarus: Minsker Familie schildert aus eigenem Erleben“ am 28.08.20 im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht.

Aus Belarus war auf der Welt über Jahre hinweg sehr wenig zu hören. Die Menschen hatten Angst zu sprechen. Wer aber den Mut dazu hat, sollte wenigstens die Gewissheit haben, dass es jemand hört. Dazu möchte ich beitragen, indem ich Bewohner von Belarus zu Wort kommen lasse. Es sind Berichte aus erster Hand. Nur habe ich die Namen der Menschen, mit denen ich geredet habe, zu deren Schutz geändert.

Marina, 55 Jahre alt, wohnt in Minsk. Sie ist geschieden, hat zwei Söhne – Sasha, 23 Jahre alt und Denis, 21 Jahre alt. Der Jüngere lebt noch bei der Mutter, besucht Computer-Design-Kurse, liebt Sport. Am 14. Juli geht Denis spazieren. Abends um acht ruft er seine Mutter an: „Auf der Allee sieht es verdächtig aus. Es sind so wenige Autos und Fußgänger unterwegs. Ich glaube, hier wird eine Polizeiaktion vorbereitet. Ich laufe zur U-Bahn und komme nach Hause.“ Dann bricht die Verbindung ab.

Marina ruft verschiedene Polizeistationen an, bleibt die ganze Nacht lang wach. Denis’ Mobiltelefon ist ausgeschaltet, keine Verbindung möglich.

Erst am nächsten Tag ruft er wieder an: „Ich lebe. Sie haben mich verhaftet. Andere auch. Sie haben gesagt, wir würden erst einmal freigelassen, aber nur unter der Bedingung, dass wir uns über niemanden beschweren. Sie haben mir ein Protokoll vorgelegt, das ich unterzeichnen sollte. Ich habe unterschrieben.“

In Polizeiwagen geschlagen

Als er zurückkommt, sieht Marina die blauen Flecken an seinen Händen und Füßen. Denis gesteht ihr, dass er und andere im Polizeiwagen geschlagen worden sind.

Vor einer Woche, am 18. August, kommt es zum Prozess gegen Denis. Freunde sind im Gerichtssaal, um ihn zu unterstützen. Der Richter verliest die Anklage. Der Angeklagte habe „regierungsfeindliche Parolen“ skandiert, darunter „Stop, Kakerlake!“. So nennen sie den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko in regierungskritischen Blogs. Denis’ Fall wird zur Überprüfung zurückgestellt. Selbst der Anklage ist aufgefallen, dass die von „Zeugen“ benannte angebliche Tatzeit nicht mit dem Zeitpunkt von Denis’ Festnahme übereinstimmte. Das Polizei-Protokoll besagt, dass er erst eine Stunde später in Gewahrsam genommen worden sei. Denis wartet jetzt auf den nächsten Gerichtstermin. Wenn er dann auf freiem Fuß bleibt, möchte er das Land verlassen.

Denis’ Bruder Sasha lebt getrennt von seiner Familie und arbeitet als Computer-Designer. Am Vorabend der Präsidentschaftswahl vom 9. August, einem Samstag, beschließt Sasha, sich mit einem Freund bei McDonald’s zu treffen. Beim Verlassen des Schnellrestaurants werden Sasha und ein Freund von Polizisten in Zivil aufgehalten. Die jungen Männer beginnen sich zu wehren, werden aber in einen Polizeiwagen gezogen, der in der Nähe steht.

Freunde suchen in der Okrestina-Straße, wo sich das Untersuchungsgefängnis befindet, nach den beiden. Sie entdecken Sasha in einem Polizeifahrzeug und informieren seine Mutter. Marina macht sich sofort zur Okrestina-Straße auf, ebenso wie Familienmitglieder anderer Inhaftierter, die alle vor dem Gefängnistor in einer Schlange stehen, um etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen herauszufinden. Niemand gibt ihnen Auskunft. Aber bis hierhin hören sie die Schreie Geschlagener aus dem Gefängnis.

Sonntag, 9. August. Am Tag der Wahl wird das Internet ausgeschaltet. Nur das staatliche Fernsehen und Radio funktionieren, um pflichtschuldig Lukaschenkos Sieg zu verkünden.

Am folgenden Montag gibt es immer noch keine Internetverbindung. Marina telefoniert Tag und Nacht – offiziell hat sie keine Informationen über das Schicksal ihres Sohnes erhalten.

Am Dienstag funktioniert das Internet wieder. Unabhängige Nachrichtensender sprechen offen über den Vorwurf des Wahlbetrugs und zahlreiche Repressionen. Die ersten aus dem Gefängnis Entlassenen beginnen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Prügelopfer zeigen ihre Blessuren. Listen und Fotos von Verschwundenen kursieren.

Am 12. August ruft ein ehemaliger Zellengenosse von Sasha an und berichtet Marina, dass man ihren Sohn in das Gefängnis der Stadt Zhodino gebracht hat. Dort gelingt es ihm in der Zelle, das Etikett von einer Wasserflasche abzureißen. In der Lüftungsklappe der Zelle findet er eine Nadel, die ein Insasse hinterlassen hat. Mit der Nadel kratzt er Marinas Telefonnummer auf das Etikett. Sashas Zellengenosse wurde freigelassen, nachdem er zu schreien begonnen hatte: „72 Stunden sind vorbei.“ Laut Gesetz müssen Inhaftierte nach drei Tagen freigelassen oder angeklagt werden. Sashas Mithäftling hatte Glück. Niemand anderes kam in den Genuss dieser Vorschrift.

Schnürsenkel und Gürtel für Inhaftierte

Marina macht sich nach Zhodino auf, verbringt einige Tage und Nächte mit den Angehörigen anderer Häftlinge auf dem Feld vor dem Gefängnis. Freiwillige Helfer haben Zelte aufgeschlagen: In einigen gibt es Lebensmittel, in anderen stehen Ärzte bereit, um freigelassene verwundete Häftlinge medizinisch zu versorgen. In den Zelten mit Kleidung gibt es unter anderem Schnürsenkel und Gürtel für Inhaftierte. Ihre hat man ihnen im Gefängnis abgenommen, damit sie sich nicht erhängen können.

Als eine Mutter ihren Sohn aus dem Gefängnis kommen sieht, mit einem offenen Armbruch, fällt sie in Ohnmacht, muss selbst behandelt werden. Helfer begleiten die Freigelassenen in Krankenhäuser oder nach Hause. Für Marina endet der Schrecken in der Nacht vom 14. auf den 15. August. Sasha kommt aus dem Gefängnis in Zhodino frei. Er berichtet: „Im Gefangenentransporter wurden wir an Beinen und Armen geschlagen und übel beleidigt. Sie drohten, uns in den Wald zu bringen und zu töten. Niemand werde unsere Leichen finden. Telefone bekamen wir sofort weggenommen. Einige von uns wurden gezwungen, den PIN-Code herauszugeben. So konnten die Sicherheitsleute nachsehen, in welchen sozialen Gruppen die Besitzer registriert waren. Wer in Gruppen gegen Lukaschenko angemeldet war, wurde geschlagen. In der provisorischen Haftanstalt in der Okrestina-Straße mussten wir eine Nacht auf stinkenden Matratzen ohne Bettwäsche verbringen. Die Zelle hatte ein Loch im Boden, das als Toilette für alle diente. Zu essen und zu trinken bekamen wir nichts.“

Am 9. August, so erzählt Sasha weiter, wurde er in das Gefängnis in Zhodino gebracht. „Es waren neun Personen in meiner Zelle, die für vier vorgesehen war. Wir losten um die Schlafplätze und schliefen abwechselnd: eine Gruppe auf dem Boden, eine auf den Pritschen. In der nächsten Nacht wechselten wir. Dreimal am Tag erhielten wir dürftiges Essen.“

Einen Tag später bekam Sasha Fieber und wurde mit Corona-Verdacht auf die Isolationsstation gebracht. Wie sich später herausstellte, befanden sich dort auch andere mit Covid-19-Symptomen. „Die Wachen hatten Angst vor einer Infektion wie vor Feuer und berührten die Kranken nicht. Das hat uns vor Folter bewahrt.“

Am 11. August wurde Sasha der Prozess gemacht. Das Ganze habe nur ungefähr zehn Minuten gedauert. Die Richterin verlas schnell den Vorwurf „regierungsfeindliche Propaganda, Belästigung von Passanten und Rowdytum“. Es gab weder Zeugen noch eine Verteidigung. Sasha sollte sich schuldig bekennen und unterschreiben, dass ihn bei Teilnahme an weiteren Demos 15 Jahre Haft als Krimineller erwarteten.

Nach und nach wurden die anderen Insassen seiner Zelle weggebracht. Sasha: „Ich war der Letzte, der noch übrig war. Ich habe mich innerlich auf das Schlimmste vorbereitet und gebetet. Als sie mich aus dem Gefängnis brachten, dachte ich, »das ist das Ende«. Dann sah ich in der Dunkelheit Lichter – die Zelte auf dem Feld vor dem Gefängnis.“

„Sascha macht mir Sorgen“, berichtet Marina. „Er verweigert die Hilfe von fremden Menschen und ist immer angespannt. Er geht nur noch selten raus und möchte wie sein Bruder ausreisen.“ Mit Hilfe einer Menschenrechtsorganisation hat Marina eine Psychologin gefunden, eine von den Freiwilligen – sie will helfen. Kostenlos. Viele Anwälte, Ärzte, Psychologen tun das.

Jeden Abend geht Marina mit dem Hund Gassi. Was sie sieht, erinnert sie an eine Belagerung. Überall stehen und fahren Wagen der Omon-Spezialeinheiten. Die Einsatzkräfte tragen schwarze Uniformen und schwarzen Mundschutz. Keine Gesichter, kein Verständnis – nur schwarze Schatten. „Das macht mir Angst. Was passiert in diesem Land? Wie kann man so mit Menschen umgehen?“

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