Jiddische Straßenschilder in Berlin
Im Frühjahr 2021 stellte der Künstler Sebastian Fiomei in Berlin ein improvisiertes Straßenschild mit jiddischer Beschriftung auf: „גרענאַדיערשטראַסע“ (Grenadierstraße). Die Aktion machte auf die jüdische Geschichte der heutigen Almstadtstraße aufmerksam, die bis 1938 als eine der bekanntesten „jüdischen Straßen“ der Stadt galt.
Was als künstlerische Intervention begann, entwickelte sich später zu einem offiziellen Erinnerungsprojekt. Nach jahrelangen Anträgen und Abstimmungen entstanden schließlich zehn neue „Straßenzeichen“ für benachbarte ehemalige jüdische Straßen. Sie erinnern an das jüdische Leben im Viertel, nicht nur an die Verfolgung und Vernichtung.

Die Initiative stieß allerdings auf bürokratische Hürden. Weiße Schilder waren ebenso problematisch wie die Bezeichnung „Schild“ oder der Begriff „Kunst“. Auch Jiddisch selbst spielt in Deutschland bis heute eine randständige Rolle, da es nicht als anerkannte Minderheitensprache gilt.
Bei der Einweihung der Schilder fünf Jähre später waren zwar Vertreter aus Politik, Religion und jüdischer Kultur anwesend, auf der Bühne selbst war Jiddisch aber kaum zu hören. Die jiddische Sprache taucht in solchen Projekten eher nur noch symbolisch auf.
Gleichzeitig wächst in Berlin eine lebendige jiddische Kulturszene, vor allem in Neukölln. Musikerinnen, Dichter und Aktivisten organisieren dort Konzerte, Lesungen und Gesprächsrunden. Für viele von ihnen ist Jiddisch nicht Vergangenheit, sondern gelebte Gegenwart, z.B. Shtetl Berlin.
Der Vergleich mit der sorbischen Minderheit in der Lausitz zeigt, wie stark Sprachpolitik über Sichtbarkeit entscheidet. Während Sorbisch in Deutschland offiziell geschützt ist, fehlt Jiddisch dieser Status bislang. Genau das will die Berliner Kampagne ändern.
Unterm Strich macht das Projekt deutlich: Jiddisch ist in Berlin nicht verschwunden — es wird wieder sichtbar gemacht.
Kurzversion eines ausführlichen Artikels im Yiddish Forward von Jake Schneider

