Itzik Manger

Der Barde einer ermordeten Zivilisation

Itzik MangerItzik Manger wurde 1901 im damals habsburgischen Czernowitz als Sohn eines Schneidermeisters geboren; die Familie floh im Ersten Weltkrieg ins rumänische Jassy, sodass der heranwachsende Itzik die ganze Ortlosigkeit seiner jüdischen Kultur am eigenen Leibe erlebte: Das Habsburgerreich zerfiel und damit für die jüdischen Untertanen eine relative bürgerliche Sicherheit, an deren Stelle im Königreich Rumänien staatlicher Antisemitismus trat.

Lebenslang hatte Manger die falschen Papiere, allzeit fehlten Visa, Genehmigungen, Stempel. Staatenlosigkeit wurde sein Schicksal. Nicht einmal mit der eigenen Sprache gab es festen Grund unterm bebenden Boden. Itzik wuchs in Czernowitz wie seine ebenfalls dichtenden Generationsgenossen Rose Ausländer und Paul Celan mit der deutschsprachigen Kultur der habsburgischen Bürokratie und Lehranstalten auf, wurde aber von seinem Großvater, einem Fuhrmann, in die tief jiddisch geprägte Kultur der Schtetl der Bukowina und der Vorkarpaten eingeführt.

Auswanderung, Säkularisierung, Assimilierung, Deportation und Unterdrückung bedrohten die Juden Osteuropas bereits schwer, als dann die nationalsozialistischen Massenmörder den verunsicherten Millionen Jiddischsprachiger fast restlos den Garaus machten.

Manger, der seit seiner Jugend in magischen Balladen und biblisch getönten Langgedichten die traditionelle Kultur der Juden und ihre spätmoderne Verunsicherung gleichermaßen in Worte fasste, sang nach 1940 in New York, London, Tel Aviv von der zerstörten „alten Heimat“ – für eine Diaspora, die nach dem schnellen Sterben der Juden in Maschinengewehrfeuer und Gas nur mehr den langsamen Tod ihrer Sprache in Assimilierung und Musealisierung organisieren konnte.

Mangers rückhaltlose Existenz als mittelloser Dichter zeugt von einem religiösen Glauben an die Sprache. Er sah die Verse, die er aus den Synagogengesängen ebenso modellierte wie aus Gassenhauern und den Liebesgedichten der Weltliteratur, als etwas Heiliges. Wie er überlebte, darum sorgte sich der junge Poet nicht, wenn er nach 1920 in der Bukowina in Schtetln vor kleinem Publikum rezitierte, wenn ihn jüdische Kulturvereine für kleines Geld einluden oder wenn er monatelang in irgendwelchen Feldbetten bei Freunden in Bukarest kampierte.

Manger entrann der nationalsozialistischen Vernichtung eher zufällig, denn die geplante Emigration nach Amerika scheiterte trotz der Bemühungen der New Yorker Diaspora an fehlenden Papieren. Der Dichter strandete erst in Paris, versuchte dann, mit einem illegalen Schiffstransport ins Heilige Land zu gelangen, wurde aber in Algier in Ketten gelegt. Nur durch einen Saufabend mit einem Käpt’n in Marseille geriet er via Lissabon irgendwie nach Liverpool und später ins bombardierte London.

Doch in einem Umfeld, wo dem Jiddischen nun eher musealer Wert zuteil wurde, welkte auch der Volksbarde Manger dahin. Seine ganze Faszination entfaltete dieser Seher nur beim Rezitieren, wenn er über Stunden Anekdoten mit biblischen Visionen und extemporierten Versen verband.


Dies ist ein Ausschnitt aus dem Bericht „Eine Biografie über den Jiddisch-Dichter Itzik Manger“ von Dirk Schümer in welt.de

Oyfn veg

„Oyfn veg shteyt a boym“ ist für mich eines der schönsten Gedichte von Itzik Manger.

Auf der Seite „Jiddische Lieder“ von Tangoyim finden sich auch Text und Übersetzung, sowie die Aufnahme aus der aktuellen CD „Oyfn Veg“ von Kol Colé.

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