Eleanor Reissa
Vor drei Wochen, beim Yiddish Summer Weimar, hatte ich das Vergnügen, Eleanor Reissa kennenzulernen. Zunächst als Sängerin bei einem grandiosen Konzert zusammen mit Frank London (Trompete) und Patrick Farrell (Akkordeon), später bei einer jiddischsprachigen Live-Talkshow, wo sie von sich und ihrer Spurensuche erzählt hat.
Eleanor ist eine amerikanische Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Theatermacherin aus New York. Sie arbeitet vor allem im englisch- und jiddischsprachigen Theater und setzt sich seit vielen Jahren für den Erhalt jiddischer Musik und Kultur ein.

Die Zweiflers
Dem deutschen Publikum dürfte sie v.a. durch die Miniserie „Die Zweiflers“ bekannt sein. Die Serie erzählt von einer jüdischen Familie im heutigen Frankfurt und verbindet Familiendrama, Humor und gesellschaftliche Themen. Im Mittelpunkt steht das Familienoberhaupt Symcha Zweifler, der sein Delikatessengeschäft verkaufen möchte – eine Entscheidung, die unterschiedliche Vorstellungen von Tradition, Identität und Zukunft innerhalb der Familie offenlegt. Eleanor Reissa spielt Lilka Zweifler, Symchas Ehefrau und die Großmutter der Familie.
Spurensuche
Bei der jiddischsprachigen Live-Talkshow in der Musikschule in Weimar, moderiert von Jake Schneider, erzählte Eleanor von ihrer Spurensuche:
Zentraler Ausgangspunkt war ein Bündel mit 56 Briefen, das sie 1986 nach dem Tod ihrer Mutter in einer Schublade entdeckte. Die auf Deutsch verfassten Briefe stammten aus dem Jahr 1949 und waren von ihrem Vater an ihre spätere Mutter geschrieben worden – eine Sprache, die Reissa aus ihrem Elternhaus nicht kannte.
Bei einem Aufenthalt in Berlin lernte Reissa die Übersetzerin Yeva Lapsker, die Frau von Daniel Kahn, kennen, die zunächst die ersten Briefe übertrug – dadurch erfuhr sie mehr über die Beziehung ihrer Eltern, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Displaced-Persons-Lager in Ulm kennengelernt hatten.
Gemeinsam reisten Yeva und Eleanor im Januar 2019 nach Stuttgart und Ulm, wo Reissa den Spuren ihres Vaters folgte und in Archiven auf umfangreiche Unterlagen stieß, darunter dessen detaillierte Aussage über die Entrechtung, Deportation und Ermordung seiner ersten Familie sowie seine eigene Deportation nach Auschwitz. Seine erste Frau Chana und die gemeinsame Tochter Frida wurden nach ihrer Deportation ermordet; der Sohn Heinrich überlebte dank eines Kindertransports nach England.
2024 kehrte Reissa nach Stuttgart zurück, um in der Silberburgstraße 88 der Verlegung von vier Stolpersteinen für ihren Vater und dessen erste Familie beizuwohnen. Für sie war dieser Moment nicht nur eine private Reise in die Vergangenheit, sondern auch ein öffentliches Zeichen gegen das Vergessen. Ihre Recherchen verarbeitete sie in dem Buch „The Letters Project: A Daughter’s Journey“.
Fotos: Adian Buckmaster

