Ver vet blaybn – vos vet blaybn

Avrom Sutzkever gilt als einer der bedeutendsten jiddischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1913 in der Nähe von Wilna geboren. Während der deutschen Besatzung lebte er im Wilnaer Ghetto, war Teil des kulturellen und bewaffneten Widerstands, rettete unter Lebensgefahr Bücher und Dokumente und schrieb Gedichte unmittelbar unter den Bedingungen der Verfolgung. 1943 gelang ihm die Flucht zu Partisanen, 1947 emigrierte er nach Palästina/Israel, lebte in Tel Aviv und gründete die jiddische Literaturzeitschrift „Di goldene kejt“, die er fast fünf Jahrzehnte lang herausgab und damit das moderne jiddische Literaturschaffen prägte.

Ver vet blaybn – vos vet blaybn ist eines seiner bekanntesten Gedichte und ist in Israel entstanden. Es kreist um die Frage nach dem, was von Welt und Mensch nach Zerstörung, Tod und Shoah übrig bleibt: die ganz kleinen Dinge – und die ganz großen.

Ver vet blaybn, vos vet blaybn?
Blaybn vet a vint,
blaybn vet di blindkayt funem blinden, vos farshvindt.
Blaybn vet a simen funem yam: a shnirl shoym,
blaybn vet a volkendl fartshept oyf a boym.

Ver vet blaybn, vos vet blaybn?
Blaybn vet a traf,
breyshesdik aroystsugrozen vider zayn bashaf.
Blaybn vet a fidlroys lekuved zikh aleyn,
zibn grozn fun di grozn veln zi farshteyn.

Mer fun ale shternn, ash fun tsofn biz aher,
blaybn vet der shtern, vos er falt in same trer.
Shtendik vet a trupen vayn oykh blaybn in zayn krug.
Ver vet blaybn? Got vet blaybn, iz dir nit genug?

Wer wird bleiben? Was wird bleiben?
Bleiben wird ein Wind,
bleiben wird die Blindheit des Blinden, der verschwindet.
Bleiben wird ein Zeichen vom Meer: ein Schnürchen Schaum,
bleiben wird ein Wölkchen, verfangen an einem Baum.

Wer wird bleiben? Was wird bleiben?
Bleiben wird ein Tropfen,
uranfänglich, um wieder seine Schöpfung aus dem Boden zu treiben.
Bleiben wird eine Geigenrose, zu Ehren nur ihrer selbst,
sieben Halme von den Gräsern werden sie verstehen.

Mehr als alle Sterne, von Norden bis hierher,
bleiben wird der Stern, der in eine Träne fällt.
Immer wird ein Tropfen Wein auch in seinem Krug verbleiben.
Wer wird bleiben? Gott wird bleiben – ist dir das nicht genug?

Die bekannteste Vertonung von diesem Gedicht stammt von Zhenya Lopatnik.

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