Goyim spielen Klezmer

Wir werden gerne zu Konzerten an speziellen Gedanktagen wie Holocaust-Gedanktag, Tag der Reichspogromnacht oder der Woche der Brüderlichkeit eingeladen. Oder auch z.B. zu Eröffnungen von Holocaust-Ausstellungen. Da ist es manchmal schon sehr speziell, als goyim, als Nichtjuden, vor dem – jüdischen wie nichtjüdischen – Publikum diese Musik und damit Kultur zu vertreten.

Aber auch auf unseren ganz „normalen“ Konzerten gehe ich immer auf geschichtliche Zusammenhänge, das Exil und die Shoa ein, und somit sind wir auch hier Vertreter einer Kultur, aus der wir selbst nicht entstammen.

Einen Artikel zu dem Thema habe ich schon im Januar geschrieben:
http://www.tangoyim.de/blog/2013/01/die-alten-lieder/
Mittlerweile hat das Degenhard-Lied einen festen Platz in unserem Repertoire gefunden – als Abschluss nach der Zugabe.

Hier möchte ich nun einen Auszug aus einem interessanten Artikel von Georg Brinkmann von der Klezmergruppe „Nu“ zitieren:

Die gesellschaftliche Bedeutung deutscher Klezmermusik

Klezmermusik ist in kurzer Zeit zu einem „signifier“ für alles Jüdische geworden. Vertreter und Themen des Judentums werden in Audiomedien of reflexhaft mit Klezmerklängen vorgestellt. Klezmer erklingt auf nahezu jeder Gedenkfeier zur Shoah und wird oft als „die Musik Israel“ oder „die jüdische Musik“ identifiziert.

Das Ostjudentum, für dessen Musik Klezmer – in seiner historischen Fassung – steht, kann aber nicht das gesamte Judentum repräsentieren, die Ostjuden wurden zudem von den deutschen assimilierten Juden Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als archetypische und abergläubische Vertreter gesehen und nicht sehr geschätzt. Klezmermusik wurde in Deutschland, wenn überhaupt bekannt, nur in kleinen jüdischen Kreisen gemocht oder gar ausgeübt.
Dennoch hört man heute in Deutschland Klezmergruppen auch auf Gedenkfeiern für jüdische Opfer der Shoah, wenn diese einer Berufsgruppe angehörten, bei der man davon ausgehen muss, dass sie es nicht geschätzt hätte, dass diese Musik auf ihrer Gedenkfeier gespielt wird. Auch Israel ist nicht das Land, das sich selber mit Klezmermusik identifiziert.
Klezmermusik, einst Teil eines Teils der jüdischen Kultur, repräsentiert heute in Deutschland – von nichtjüdischen Musikern gespielt – das deutsche Judentum, während die deutsche Öffentlichkeit vom real existierenden Judentum in Deutschland kaum etwas weiß. Es ist verständlich, wenn jüdische Gemeinden und Vertreter des deutschen Judentums diesen Trend sehr kritisch gegenüberstehen.

Eine spezifische Bedeutung hat Klezmermusik im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte: nicht zufällig fiel der deutsche Klezmerboom in den 80er Jahren zeitlich mit der Ausstrahlung des „Holocaust“-Filmes zusammen, der in Deutschland eine breite Auseinandersetzung mit der Shoah in Gang brachte.
Klezmermusik von Deutschen heißt auch: Eine fremde Volksmusik wird von Musikern (und in einem Land) gespielt, deren Vorfahren das kulturelle Umfeld und die Menschen dieser Kultur brutal vernichteten. Nicht wenige Musiker und Hörer versuchen diesen Konflikt zu vermeiden oder instrumentalisieren „deutsche Klezmermusik“ als Zeichen deutsch-jüdischer Versöhnung und zur Entlastung nationaler Schuldgefühle.

Auf diesem Hintergrund hat Klezmermusik eine Sonderstellung in der deutschen Folkszene und kann nicht ohne Auseinandersetzung mit diesem historischen Hintergrund gespielt werden. Für die Musiker bedeutet darum das Spielen dieser Musik auch einen besonderen Respekt vor ihr. Es ist nötig, sich seiner gesellschaftlichen Rolle bewusst zu sein und den eigenen Standpunkt dazu, wie den eigenen Standpunkt zur deutsch-jüdischen Geschichte zu reflektieren.

Neben dem Grad der Professionalisierung gibt es also (nach meiner Erfahrung) auch diese Unterscheidungen in der deutschen Klezmerszene bezogen auf den Zugang zu der Musik:
den folkloristisch-klischeemäßigen Zugang, den Zugang als Instrumentalisierung zur Entlastung von der Shoah, den spirituellen Zugang und den musikalisch-historischen Zugang (welcher Traditionalisten und Erneuer umfasst). Diese sind nicht immer klar voneinander zu trennen und nicht wenige Musiker und Bands durchlaufen in ihrer Entwicklung auch diese Bereiche als Prozess der Auseinandersetzung mit der Musik und Kultur.

Die deutsche Klezmerszene ist unterdessen erstaunlich groß und vielfältig. Viele Musiker bilden sich durch Workshops, Reisen und Arbeit an den Originalquellen weiter und arbeiten damit an einer authentischen Pflege und Weiterentwicklung der Klezmermusik mit. Musiker wie Christian Dawid und Sanne Möricke, Heiko Lehmann und Andreas Schmitges genießen in derweltweiten Szene großen Respekt, spielen in internationalen Bands der Revivalisten und werden als Lehrer auf internationale Workshops eingeladen.

© Georg Brinkmann, 2007

Der Text ist ein Auschnitt aus dem sehr lesenswerten Artikel:  „Über Klezmer“

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