Bella Liebermann: Das Kupfermeer

Mi., 04.05.22, 19.00 Uhr
im Lew Kopelew Forum, Neumarkt 18 in Köln

Buchvorstellung & Ausstellungseröffnung

mit der Autorin Bella Liebermann und dem Buchillustrator Dr. Viktor Kravets

Das Buch: https://literaturhandlung.com/buecher/belletristik/20232/das-kupfermeer
© Bella Liebermann „Das Kupfermeer“

UKB Präsenzveranstaltung: 5,00 €; LKF-Mitglieder, Schüler, Studenten und ALG-II-Empfänger 2,50 €

Für digitale Teilnahmemöglichkeiten besuchen Sie bitte unsere Website www.kopelew-forum.de

Die Ausstellung ist geöffnet bis zum 20.05.2022. Bitte rufen Sie uns unter 0221 257 67 67 an,
um einen Besichtigungstermin zu vereinbaren. Eintritt frei

Moderation: Katharina Heinrich
Beirat im LKF, Historikerin und Journalistin

Die Kantonisten

Das Kupfermeer, Bella Liebermann

„Die Juden hier sind wirkliche Blutsauger, die diese Gouvernements aussaugen und völlig auszehren“. Zu dieser Erkenntnis kam Zar Nikolaus I. während einer Inspektionsreise durch Weißrussland. Seiner Meinung nach waren es die Juden, welche als Händler, Gewerbetreibende und Schankwirte hier lebten, die für den Niedergang der Landwirtschaft verantwortlich waren. Zur Verbesserung der Situation legte er den originellen Plan vor, Juden durch Ableistung eines extrem langen Wehrdienstes unter außergewöhnlichen Bedingungen umzuerziehen.

So kam es 1827 zu dem Erlass, der schon 12 bis 18jährige Jungen zum Wehrdienst zwangsverpflichtete, die sogenannten Kantonisten. Die Kinder von Juden, aber auch von Zigeunern  und von polnischen Aufständischen wurden in weit entfernte Garnisonen verschleppt, und ab dem 18. Lebensjahr wartete ein 25jähriger (!) Militärdienst auf die Unglücklichen. Wer diese Zeit überlebte, war mit 43 Jahren ein ungebildeter, roher, seelischer Krüppel, abgeschnitten von Familie, Traditionen und Religion.

So ist es kein Wunder, dass viele jüdische Jungen versuchten, über die Grenze zu fliehen, sich zu verstecken, oder sich selbst verstümmelten. Für manchen Arzt tat sich ein neuer Erwerbszweig auf: Amputationen und Verstümmelungen von Jugendlichen, um sie dienstuntauglich zu machen.

Das System der Kantonisten wurde 1856 von Zar Alexander II. abgeschafft.

Das Kupfermeer

Bella Liebermann

Vor diesem Hintergrund spielt „Das Kupfermeer“, ein Roman über die jüdischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im russischen Zarenreich des 19. Jahrhunderts.

Der Vater von Itzik Ermanowitsch hat alles verkauft, um sich den Eintritt in die Kaufmannsgilde leisten zu können, denn als Mitglied der Gilde ist sein Sohn vom Militärdienst befreit. Leider hat das nicht geholfen, denn Itzik wird eines Tages entführt und zu den Kantonisten verkauft.

In verschiedenen Erzählsträngen erfahren wir von dem tragischen Leben des Jungen, vom Hof des mächtigen chassidischen Tsadik, wo die verzweifelte Mutter versucht, etwas über den Verbleib ihres Jungen zu erfahren, von der mysteriösen Dwoja Lejserowa, die in verschiedenen Gestalten immer wieder auftaucht, von russischen Beamten, Zensoren und Polizisten, und von den äußerst brutalen und unmenschlichen Lebensbedingungen in der Armee des Zaren.

Bella Liebermann

Bella, Daniel

Bella Liebermann ist im Dreiländereck Russland-Ukraine-Weißrussland und später in Moldawien aufgewachsen. Sie hat an der Musikakademie in Minsk studiert und später in Weißrussland und Moldawien als Musikpädagogin gearbeitet. Seit 1994 lebt sie in Köln, hat hier ein weiteres Studium absolviert und ist heute als Sozialarbeiterin tätig.

Ich stehe mit Bella seit einigen Jahren regelmäßig gemeinsam auf der Bühne in unserer Musikgruppe Kol Colé.

Ich kann das Buch nur wärmstens weiterempfehlen, es kann bei der jüdischen Literaturhandlung und direkt bei Bella Liebermann bestellt werden.


Text zur Lesung von Bella Liebermann:

Ich heiße Bella Liebermann, bin Autorin des Buches „Kupfermeer“ und möchte Ihnen heute mein neues Buch vorstellen.

Ich bin im Dreiländereck (Russland/Ukraine/Weißrussland) in einer jüdischen Familie aufgewachsen, studierte an der Musikakademie in Minsk und habe danach lange Zeit in Moldawien gelebt. Während des Bürgerkrieges in Moldawien ist meine Familie nach Deutschland geflohen. Ich bin Musikerin, Sozialpädagogin und spiele und singe im Klezmer-Ensemble „Kol Colé“.

Von Kindheit an war ich mit der osteuropäischen jüdischen Kultur in Berührung. Meine Familie vermittelte mir diese Kultur, Lebensart und Mentalität.

Die Erinnerung an das damalige Leben im Stedtl ist für mich eine dauerhafte Quelle der Inspiration und Einfälle geblieben. Bis heute gibt mir diese Quelle immer noch Kraft, um die in meinem Leben auftretenden Schwierigkeiten zu überwinden. In diesem Stedtl sind meine Wurzeln und meine seelische Heimat, obwohl niemand meiner Familienangehörigen noch dort lebt.

Der Roman „Kupfermeer“ schildert die jüdischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im russischen Zarenreich unter Nikolaus I. im 19. Jahrhundert: neben einer faszinierenden Familien- und Liebesgeschichte mit viel Mystik und chassidischen Geschichten ist er gleichzeitig ein zeitlos gültiges Anti-Gewalt-Epos.

Viele Passagen des Buches sind den legendären russischen Wegen gewidmet, so zum Beispiel der Straße.

Die russische Straße ändert sich nicht in den Jahrhunderten, so wie sich die Präsenz eines Idols nicht ändert, das von der Höhe seiner Macht auf sie niederblickt – soll sie sich doch dahinziehen, welcher Nutzen liegt in den Winkelzügen der Landstraßen, der Wege, der Feldwege, der Pfade, der Schlaglöcher und der Mulden! Welchen Sinn hat die nagende Sehnsucht eines Menschen, der sich auf die Straße begibt!

Und die Straße läuft, eilt mit der Offenheit der russischen Seele, um ihre heimlichen Grenzen zu zeigen, und verbirgt dabei weder die unbegreifliche Weite, noch die Ruhelosigkeit. Aber es kommt vor, dass sie traurig langsamer wird und im abendlichen waldigen, öden Nebel erstarrt und ähnlich den Gedanken eines Fremdlings, der, bestürzt durch die unübersehbare Ferne, sich Gedanken darüber macht, dass sie zu jenen Gegenden führt, wo seine Vorfahren gelebt haben, und wo er niemals sein wird… Und wenn er nicht durch die Einfachheit dieses Gedankens erschrickt, so erinnert er sich vielleicht an die alten Verse des Dichters Jehuda ha-Levi: „Oh ferne Heimat! Nicht nach dem Duft deiner Myrten und dem Wohlgeruch der Blumen – ich dürste nach deinem Staub und jeder Tropfen deiner Wasser würde für mich süßer Balsam sein…“

Er setzt sich am Wegesrand nieder und während der Staub auf diese Steine herabsinkt, ersteht vor seinem inneren Blick ein Bild aus der Bibel, das er in seiner Kindheit gesehen hat – die Vision der Heimat, wurde ihm gesagt.

„Ich dürste nach deinem Staub!“

Die Straße kann wie eine Straße zu dir selbst sein, zu deiner Vergangenheit, zur Vergangenheit deiner Vorfahren. Praktisch ist das ganze Buch eine Beschreibung dieser Straße, die Wiedererschaffung ihrer Bilder und Einzelheiten, aus denen das wunderbare Ganze jener Welt entsteht, in der sie lebten. Diese Straße steht bald für das im Bewusstsein Verdrängte, bald für die Nichtexistenz, in der unsere Kultur verschwand. Die beschriebene Welt ist real, aber gleichzeitig auch fiktiv, indem sie ihren eigenen Entwicklungsgesetzen unterliegt. Diese Entwicklung ist wie in einer Fuge von Bach mit dem Anfangsimpuls determiniert, mit einer Ansammlung der anfänglichen Kraft, die sich in realen Umständen ausdrückt. Aus diesem Impuls entwickelt sich das Sujet. Mit meiner Erzählung gehe ich durch das Nichtexistente und versuche ihm Leben einzuhauchen – als würde ich es mit lebendigem Wasser sättigen, um die Sehnsucht nach der nicht gelebten Liebe zu ihm zu ersetzen. Ich glaube, es ist mir nicht nur gelungen, dies Bermuda-Loch mit Leben zu füllen, sondern auch die Handlung auf ungewöhnlich faszinierende und überzeugende Weise zu vermitteln. Die Handlung entsprang meiner Seele, meinem Verständnis und meiner Vorstellung.

Woher kommt die Straße und wohin führt sie? Der Stoff des Sujets fußt auf historischen Chroniken, ebenso alle Namen, die im Roman vorkommen. Alles Übrige – die Entwicklung der Handlung und ihr Aufbau, die Zusammenführung der unabhängigen Handlungsstränge – ist von mir.

Itzik Ermanowitsch, ein Junge aus Starokonstantinow, wird entführt, an die russische Armee verkauft und kommt zu einem Rekruten seiner Majestät. Seine Mutter Rachil sucht vergebens ihren einzigen Sohn und geht zu einem Zadik, einem Weisen, der über mystische Kräfte verfügt und Wunder bewirkt. Auf Umwegen hilft ihr eine Abenteurerin, eine Schönheit unbekannter Herkunft aus dem Ausland namens Dwojra Leserowa. Sie wird von dem Beamten Ewno verfolgt, der auf der Suche nach konvertierten Christen ist. Die Wege der beiden Frauen –Dwojra und Rachil – kreuzen sich und trennen sich dann in den unendlichen Weiten Russlands – der Ukraine, vom Sitz des wundertätigen Zadiks bis zum Hof des Zaren. Die Welt der chassidischen Mystik wechselt sich ab mit komischen Bildern aus dem Leben der russischen Armee und der russischen Beamten, Zauber und Glanz des Zarenhofes – mit grotesken Szenen aus dem Moskauer Marktleben.

Woher kommt die Straße und wohin führt sie? Die Gabelungen dieser Straße führen den entführten Itzik unweigerlich auf seinem Weg. Das ist der gesetzmäßige Weg in den Untergang.

Mein Buch handelt vom Schicksal des Jungen Itzik Ermanowitsch. Dieses Schicksal geht auf dem Weg der Gewalt, ich schreibe über deren Quellen und die Formen, in denen sie sich äußert. Bedauerlicherweise war die Gewalt mehr oder weniger ausgeprägt in der russischen Geschichte gegenwärtig und insbesondere angesichts der jüngsten Ereignisse des von Russland entfesselten Krieges in der Ukraine.

Deshalb erscheint mir mein Buch, das auch das Leben der russischen Armee und der russischen Beamtenschaft schildert, in der heutigen Zeit sehr aktuell. Der Geist der Gewalt, die Gewöhnung daran als normalen Lebenszustand, das Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit, der Ohnmacht, das eigene Schicksal zu ändern, erfolglose Versuche, etwas zu ändern, die meistens zu Zusammenbrüchen und krankhaften Persönlichkeitsveränderungen führen – das hat bedauerlicherweise jeder Mensch erlebt, der in Russland geboren wurde. Wahrscheinlich nicht nur in Russland, aber ich schreibe über das, was ich kenne. Mir, die ich in einer jüdischen Familie geboren bin, sind diese Erscheinungen bekannt wie sonst niemandem. Die Übersetzung dieses Buches in die deutsche Sprache ermöglicht es vielleicht dem deutschen Leser, die Gegenwart durch das Prisma der Vergangenheit besser zu verstehen.

Ich habe mich oft über die Äußerung meiner deutschen Freunde gewundert, die sagten, dass sie die Sprache der Mörder sprechen könnten, die ihre Vorfahren sprachen. Jetzt verstehe ich diese Menschen besser. Ich spreche die Sprache der Mörder, die die Ukraine angriffen. So ist mein Schicksal. Aber eben diese Sprache sprechen auch Menschen, die sich nicht aufmachen um zu töten, die gegen den Krieg protestieren und in den Gefängnissen in Russland und Belarus sitzen. In diesem Fall kann durch die der Kunst innewohnende ursprüngliche Fähigkeit mit ihren magischen Qualitäten dieses Gefühl angerührt werden und es aus der materiellen, lokalen Welt auf die Höhe des allgemeinmenschlichen Begriffs gehoben werden.

„Das Kupfermeer“ – nicht nur eine Geschichte des Untergangs, sondern auch eine Geschichte der Reinigung. Das russische «Медное море» oder „Kupfermeer“ auf Deutsch – so heißt in der russischen Sprache ein Gefäß in der Nähe des Tempels in Jerusalem, in dem sich der Priester vor der Darbringung des Opfers die Hände waschen musste. „Mache ein Becken aus Kupfer und sein Gestell aus Kupfer zur Waschung und setze es zwischen das Zelt der Zusammenkunft und den Altar… Und Aharon und seine Söhne sollen darin waschen ihre Hände und ihre Füße. Wenn sie hingehen in das Zelt der Zusammenkunft, sollen sie sich mit Wasser waschen, dass sie nicht sterben.“(2. Buch Moses, 30/18)

Für die Reinigung hat es schon keine Bedeutung mehr, in welcher Sprache und mit welchen Mitteln sie zum Ausdruck kommt. Der Weg ist das Ziel.

Ich freue mich, für die Vielseitigkeit der jüdischen Kultur auch in Deutschland einen Beitrag zu leisten.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 11.12.2021

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