Das Jüdische Antifaschistische Komitee und das Ende von Yiddishkayt in Russland

Russland, das war zusammen mit Polen, Rumänien, Modawien und dem Baltikum das Land der ostjüdischen Kultur, der „Yiddishkayt“, der jiddischen Sprache, der Klezmermusik. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zeit der großen Auswanderung nach Amerika, und an der amerikanischen Ostküste bildete sich ein neues Zentrum von jiddischer Kultur. New York ist bis heute die heimliche Hauptstadt von „Yiddishland“. Und in der Mitte der 20. Jahrhunderts ging diese Kultur in Osteuropa unter, so dass fast alles, was in den letzten Jahrzehnten an Yiddishkayt zu uns kam (Klezmerrevival, Klezmertanz-Bewegung, jiddische Sprache) aus Amerika kam.

Hitler und Stalin

Zwei Namen stehen für die Vernichtung dieser Kultur: Hitler und Stalin.

Nach der russischen Revolution hatte Lenin viele glühende Verehrer unter den sowjetischen Juden, die an eine neue und bessere Weltordnung, an die Macht des Proletariats und an das Ende des Kapitalismus glaubten. In dieser neuen Welt war auch für Antisemitismus kein Platz.

„Wenn nicht die Rasse, was macht einen Juden aus? Religion? Ich bin Atheist. Die jüdische Nation? Ich bin Internationalist. Nichtsdestotrotz bin ich Jude. Ich bin Jude durch meine unbedingte Solidarität mit den Verfolgten und Unterdrückten.“ (Isaac Deutscher)

1936 – 1938: in der ersten großen Säuberungswelle fielen viele jüdische Intelektuelle und Schriftsteller dem Stalinismus zum Opfer.

1939 – 1945: alles jüdische Leben, das den Deutschen in die Hände fiel, war dem Tode geweiht, durch direktes Erschießen oder Transport in ein Vernichtungslager. Auf der anderen Seite kämpften viele jüdische Soldaten in der Roten Armee gegen die Faschisten. Und kein Land hatte höhere Opferzahlen zu beklagen als Russland. (Siehe dazu auch den Beitrag und unser Video Shpatsir in vald.)

Das Jüdische Antifaschistische Komitee

August 1941: nach dem Beginn der Operation Barbarossa (der deutschen Invasion in Russland) formiert sich in Moskau das Jüdische Antifaschistische Komitee. Es besteht aus sowjetischen jüdischen Schriftstellern, Wissenschaftlern, Akademikern und Filmemachern und verfasst und verliest einen Apell („к евреям всего мира / An die Juden in aller Welt“) an alle Juden weltweit, alles nur erdenklich Mögliche zu tun, um dem Faschimus Einhalt zu gebieten, da an der Ostfront gerade ein Völkermord ungeahnten Ausmaßes bevorstehe: die Vernichtung der gesamten jüdischen Bevölkerung, was sich damals keiner richtig vorzustellen vermochte. Das untenstehende Video zeigt das Verlesen des Apells auf russisch, jiddisch und englisch.

1948/1949: die Mitglieder des Komitees werden verhaftet und in langen Scheinprozesses des Verrates, antisowjetischer Umtriebe und der Spionage angeklagt.

August 1952: 13 Mitglieder des Komitees werden schuldig gesprochen und in Moskau erschossen. Für viele markiert dieser Tag so etwas wie das endgültige Aus für die Yiddishkayt in Russland und Osteuropa.

“One thing we know for certain… There, Yiddish literature is no more; Yiddish theater is no more; no Yiddish newspapers, not even the most meager Yiddish school. Annihilation has been decreed for the entirety of Yiddish culture and literature in Soviet Russia.” (Joseph Opatoshu und H.Leivick, New York)

Quelle: Yiddishkayt – August and After, Remembering Soviert Yiddish

 

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