Bella Liebermann: Das Kupfermeer

Die Kantonisten

Das Kupfermeer, Bella Liebermann

„Die Juden hier sind wirkliche Blutsauger, die diese Gouvernements aussaugen und völlig auszehren“. Zu dieser Erkenntnis kam Zar Nikolaus I. während einer Inspektionsreise durch Weißrussland. Seiner Meinung nach waren es die Juden, welche als Händler, Gewerbetreibende und Schankwirte hier lebten, die für den Niedergang der Landwirtschaft verantwortlich waren. Zur Verbesserung der Situation legte er den originellen Plan vor, Juden durch Ableistung eines extrem langen Wehrdienstes unter außergewöhnlichen Bedingungen umzuerziehen.

So kam es 1827 zu dem Erlass, der schon 12 bis 18jährige Jungen zum Wehrdienst zwangsverpflichtete, die sogenannten Kantonisten. Die Kinder von Juden, aber auch von Zigeunern  und von polnischen Aufständischen wurden in weit entfernte Garnisonen verschleppt, und ab dem 18. Lebensjahr wartete ein 25jähriger (!) Militärdienst auf die Unglücklichen. Wer diese Zeit überlebte, war mit 43 Jahren ein ungebildeter, roher, seelischer Krüppel, abgeschnitten von Familie, Traditionen und Religion.

So ist es kein Wunder, dass viele jüdische Jungen versuchten, über die Grenze zu fliehen, sich zu verstecken, oder sich selbst verstümmelten. Für manchen Arzt tat sich ein neuer Erwerbszweig auf: Amputationen und Verstümmelungen von Jugendlichen, um sie dienstuntauglich zu machen.

Das System der Kantonisten wurde 1856 von Zar Alexander II. abgeschafft.

Das Kupfermeer

Bella Liebermann

Vor diesem Hintergrund spielt „Das Kupfermeer“, ein Roman über die jüdischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im russischen Zarenreich des 19. Jahrhunderts.

Der Vater von Itzik Ermanowitsch hat alles verkauft, um sich den Eintritt in die Kaufmannsgilde leisten zu können, denn als Mitglied der Gilde ist sein Sohn vom Militärdienst befreit. Leider hat das nicht geholfen, denn Itzik wird eines Tages entführt und zu den Kantonisten verkauft.

In verschiedenen Erzählsträngen erfahren wir von dem tragischen Leben des Jungen, vom Hof des mächtigen chassidischen Tsadik, wo die verzweifelte Mutter versucht, etwas über den Verbleib ihres Jungen zu erfahren, von der mysteriösen Dwoja Lejserowa, die in verschiedenen Gestalten immer wieder auftaucht, von russischen Beamten, Zensoren und Polizisten, und von den äußerst brutalen und unmenschlichen Lebensbedingungen in der Armee des Zaren.

Bella Liebermann

Bella, Daniel

Bella Liebermann ist im Dreiländereck Russland-Ukraine-Weißrussland und später in Moldawien aufgewachsen. Sie hat an der Musikakademie in Minsk studiert und später in Weißrussland und Moldawien als Musikpädagogin gearbeitet. Seit 1994 lebt sie in Köln, hat hier ein weiteres Studium absolviert und ist heute als Sozialarbeiterin tätig.

Ich stehe mit Bella seit einigen Jahren regelmäßig gemeinsam auf der Bühne in unserer Musikgruppe Kol Colé.

Ich kann das Buch nur wärmstens weiterempfehlen, es kann bei der jüdischen Literaturhandlung und direkt bei Bella Liebermann bestellt werden.

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