Jiddisch ist im Mittelalter aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangen. Von Anfang an enthielt es sehr viele hebräische Wörter, später kamen dann noch Wörter slawischen Ursprungs hinzu.

In der Neuzeit assimilierten sich die Juden in Westeuropa immer mehr, und Westjiddisch ist im Laufe des 18. Jahrhunderts praktisch ausgestorben. In Osteuropa dagegen, wo die Juden viel stärker ausgegrenzt waren und in den shtetln unter sich lebten, hat sich die Sprache gehalten und weiterentwickelt. Wenn wir heute von Jiddisch sprechen, so meinen wir in der Regel Ostjiddisch, von dem es wiederum vom Baltikum im Norden bis nach Galizien im Süden verschiedene Dialekte gibt.

Doch auch hier haben die Sprache wie auch die ganze jüdische Kultur den Holocaust nicht überleben können. Dass wir Jiddisch heute noch kennen, verdanken wir den über 2 Millionen Auswanderern, die um die Jahrhundertwende Russland verließen und sich eine neue Heimat in Amerika, in Westeuropa und in Palästina suchten.

Die Zahl der heute noch aktiven Jiddisch-Sprecher wird auf eine Millionen geschätzt.

יידיש, Yiddish, Jiddisch - Schrift und Transkription

Liest man den gleichen Text in verschiedenen Quellen, so erscheint es oft, als sei Jiddisch eine Sprache ohne jede Orthografie. Der eine schreibt so, die andere so...

Das liegt allein an der Umschrift: im Original wird Jiddisch in hebräischen Buchstaben (von rechts nach links) geschrieben, und die Schreibweise eines Wortes ist durchaus festgelegt. Wie ein Wort jetzt aber aus der hebräischen Schrift in die lateinische transkribiert wird, das ist je nach Land, Sprache und auch Zeit sehr verschieden. Die wichtigsten Umschriften sind die ins Englische, ins Deutsche und ins Russische (hier also von hebräischen in kyrillische Buchstaben).

 

Beispiel: seykhl, seychl oder ßejchl

Das Wort שׂכל (Sinn, Verstand) beginnt mit einem scharfen s, gefolgt von einem (im Original nicht geschriebenen) ey-Laut, einem Rachenlaut wie im deutschen "ach" und einem l.

Im Englischen ist die Umschrift eindeutig: "s" für ein scharfes s, "ey", "kh" als eine neue, sonst im Englischen nicht vorkommende Buchstabenkombination für den der englischen Kehle unbekannten "ch"-Laut, und ein "l".

Im Deutschen gibt es schon mit dem s ein Problem: für das scharfe s benutzen wir das Doppel-s oder "ß". Ein scharfes s am Wortanfang wie im Jiddischen oder Englischen gibt es bei uns aber nicht. Folglich müssen wir "ßejchl" oder "ssejchl" schreiben (der Duden macht das auch), aber für viele Übersetzer sieht das doch so monströs aus, dass sie es lieber bei einem s belassen - und schon ist die konsequente Unterscheidung zwischen scharfem und weichem s - zwei im Original völlig verschiedenen Buchstaben - nicht mehr gegeben. Auch der "ch"-Laut kann im Deutschen weich ("ich") oder hart ("ach") sein. Im Jiddischen ist er immer hart.

Die YIVO-Umschrift

Der YIVO (Yidisher visnshaftlekher institut, Institute for Jewish Research) hat schon 1937 eine eindeutige Transkription und Orthografie des Jiddischen festgelegt. Da sie heute weltweiter Standard ist, und da sie eindeutiger ist, als die deutschen Umschriften, benutze ich sie in den Texten - auch wenn sie für das deutsche Auge zunächst gewöhnungsbedürftig ist: "Jiddischer wissnschaftlecher institut", liest sich für uns einfacher als "Yidisher visnshaftlekher institut". Denkt man beim Lesen Englisch-Amerikanisch, so fällt die Gewöhnung an die Schreibweise leichter.