Chanukka und Weihnachten

Das achttägige Lichterfest Chanukka richtet sich nach dem jüdischen Kalender, es fällt aber immer mehr oder weniger in unsere Adventszeit. Dieses Jahr wurde die erste Kerze am 10. Dezember, die achte am 17. Dezember entzündet. Ein sehr früher Beginn von Chanukka war z.B. 2013 (28. November), während es 2016 genau auf den Heiligen Abend fiel. Während das Fest nach dem Krieg und dem Holocaust wie alle jüdische Kultur im Bewußtsein der Deutschen so gut wie nicht vorhanden waren, erfährt es in den letzten Jahrzenten wieder zunehmende Aufmerksamkeit, einschließlich aller unvermeidlichen antisemitischen Anfeindungen.

Auch wenn die Ursprünge von Weihnachten und Chanukka völlig verschieden sind, so gibt es äußerlich doch viele Gemeinsamkeiten dieser beiden Lichterfeste in der dunkelsten Jahreszeit. Und viele Juden haben und hatten auch kein Problem, sich zum Chanukkaleuchter auch einen Weihnachtsbaum in die Wohnung zu stellen.

Ich zitiere hierzu Matti Goldschmidt vom Israelischen Tanzhaus e.V.:

Obwohl ja Chanukka gegenüber dem gregorianischen Sonnenkalender ein bewegliches Fest ist, fällt es zumeist irgendwie in die Vor- oder direkt in die Weihnachtszeit, wobei es mir aufgrund dessen durchaus legitim erscheint, nach Parallelen zwischen den beiden Festlichkeiten zu suchen. Zum einen die Lichter: Das mag eher zufällig sein (denn statt der Kerzen am Tannenbaum wurde noch vor wenigen hundert Jahren in der längsten Nacht des Jahres kurzerhand – natürlich im Freien – der Baum selbst angezündet; an die Kinder unter uns: Bitte Derartiges nur in Anwesenheit und unter Aufsicht von Erwachsenen nachmachen…). Zum anderen die Geschenke: Auch zum jüdischen Chanukka ist es heute nicht unüblich, sich gegenseitig zu beschenken – das jedoch ist sicher eine Anlehnung an das christliche Weihnachten seit der Emanzipation und der damit erfolgten Säkularisierung vieler Juden ab ca. 1820. Einfach, so meine ich, um unter jüdischen Kindern keine „Benachteiligung“ gegenüber nicht-jüdischen aufkommen zu lassen; somit hat für manche jüdische Kinder Weihnachten sicherlich etwas an „Attraktivität“ verloren, es war, gesehen mit Kinderaugen, wieder leichter, Jude zu sein… Eine andere Version meint, dass es von dem Brauch abstammen könne, dass man in früheren Jahrhunderten den Kindern zu Chanukka eine Art für die an gemeindeeigenen Elementarschulen unterrichtenden Lehrer bestimmtes „Schulgeld“ mitgab, das man im Laufe der Entwicklung dann einfach für sich behielt – und dieses Geld schließlich in Form von Geschenken überging!

Schließlich wäre der Weihnachtsbaum zu erwähnen (der Begriff „Weihnukke“ soll nicht unüblich gewesen sein), den sich bis zur Nazizeit immer mehr (zumindest deutsche) Juden und nicht-orthodoxe amerikanische in ihr Wohnzimmer stellten. Darunter etwa niemand anders als der Vater des modernen Zionismus, Theodor Herzl, oder die Familie des jüdischen Philosophen Gershom Scholem. Einschränkend sei an dieser Stelle erwähnt, dass mit dem Aufstellen eines Weihnachtsbaums i.d.R. nicht ein graduelles Abrücken vom Judentum, sondern vielmehr eine nationale Annäherung an eine deutsche Festlichkeit, eine Anpassung an den main stream, ausgedrückt werden sollte. In moderneren Zeiten konnte ich feststellen, dass vor allem bei russischen Familien (nicht nur in Deutschland, sondern eben auch in den Ländern der früheren Sowjetunion) durchaus Weihnachtsbäume in den Wohnzimmern stehen können, wenngleich sich diese Familien zumindest kulturell zum Judentum bekennen.

Und noch ein Gedicht von Erich Mühsam:

Geboren ward zu Betlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit`s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heut`gen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletatier –
Es feiert jeder Arier
Zu gleicher Zeit und überall
Die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem das geschah,
das feiert lieber Chanukka.)
Erich Mühsam, 1916

In diesem Sinne:

Fröhliche Weihnachten, Happy Hanukah, Chag Sameach!

 

 

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